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Poljot

Die Geschichte der Ersten Moskauer Uhrenfabrik

Bei Uhrenliebhabern stößt auch heute der Markenname Poljot, ursprünglich ein Modellname der Ersten Moskauer Uhrenfabrik, später dann Markenbezeichnung für alle dort gefertigten Uhren, auf großes Interesse. Besonders Fans von russischen Uhren schwärmen von der Qualität der mechanischen Uhren aus der Sowjetunion. Im Jahr 2004, als das ursprüngliche Unternehmen Insolvenz anmeldete, sind der Markenname und sogar einzelne Modellnamen an unterschiedliche Hersteller verkauft worden, die aktuell unter diesen Labels weiterhin Uhren anbieten. Nachfolgend beleuchten wir den Werdegang des Unternehmens von der Gründung bis in die Gegenwart und stellen einige aktuelle Uhren vor.

Die erste staatliche Uhrenfabrik

Vermutlich im Jahr 1929, einige Quellen geben 1927 an, wird auf Befehl von Josef Stalin die erste staatliche Uhrenfabrik gegründet. Sie ist somit der erste sowjetische Großhersteller von Uhren und mechanischen Uhrwerken. Die Grundsteinlegung erfolgt im Februar 1930 und bereits am 1. Oktober 1930 eröffnet das Werk in der Moskauer Worontsovskaya Straße auf dem Gelände einer ehemaligen Tabakfabrik. Ursprünglich besteht die Uhrenindustrie der Sowjetunion aus kleinen Werkstätten und Manufakturen, die im staatlichen Trust für Feinmechanik (Гострест Точмех) zusammengeschlossen sind. Die Uhren werden aus den Einzelteilen zusammengebaut, die im Ausland beschafft oder im Inland hergestellt werden können. Der wachsende Bedarf der Regierung an modernen und qualitativ hochwertigen Uhren, die auf russischem Boden hergestellt werden, führt im Rahmen des Fünf-Jahres-Plans dazu, dass die erste Uhrenfabrik in Moskau gegründet wird. Der Plan sieht vor, dass 1,5 Millionen Wanduhren, 400.000 Wecker und 45.000 elektrische Zeitmesser produziert werden sollen.

Die Gründung der Fabrik stellt allerdings ein Herausforderung dar, da es keine richtige Ausrüstung, und nur ein paar ausgebildete Techniker gibt. Hinzu kommt, dass die politische Situation es schwierig bis unmöglich macht mit anderen Ländern zu handeln. Schließlich will kein Land sein Wissen und sein Personal, aus Furcht vor wachsender Konkurrenz, abgeben. Die Lösung kommt schließlich aus einer sehr interessanten und unerwarteten Quelle: den Vereinigten Staaten.

Bankrotte amerikanische Uhrenfabrik wird nach Moskau verlegt

1930 kauft die russische Regierung für die vergleichsweise geringe Summe von 325.000 US-Dollar die in Konkurs gegangene Dueber-Hampden Uhrenfabrik aus Canton, Ohio. Das Geschäft umfasst neben den Patenten, die Ausrüstung und die verbliebenen Uhrenteile der Fabrik. Darüber hinaus reisen 23 Fabrikarbeiter von Dueber-Hampden in die Sowjetunion, um sowohl die Installation der Ausrüstung zu beaufsichtigen, aber vor allem, um russische Uhrentechniker auszubilden. Ein interessanter Fakt am Rande ist, dass die Amerikaner, die nach Moskau ziehen und dort ein Jahr lang beim Aufbau der Ersten Staatlichen Uhrenfabrik (1GCHZ oder 1ГЧЗ) helfen, kein Wort Russisch sprechen und die russischen Techniker kein Wort Englisch, aber beide Parteien können Deutsch, da der Staat Ohio zu dieser Zeit hauptsächlich von deutschen Einwanderern bevölkert ist. Parallel zu diesem Geschäft werden auch die Anlagen der Ansonia Clock Company durch die US-Regierung an die UdSSR verkauft.

Erster Erfolg mit Taschenuhren

Die ersten von der 1GCHZ hergestellten Uhren sind Taschenuhren deren Erfolg und Popularität umgehend zu einem Symbol der russischen Autonomie und Selbstständigkeit avancieren. In den Jahren von 1930 bis 1940 produziert die Fabrik 2,4 Millionen Taschenuhren. Die Uhrwerke früher Produktionen sind noch mit dem Stempel „Dueber-Hampden, Canton, Ohio USA“ versehen. Die erste Taschenuhr heißt Typ-1 K-43 („K“ wie Карманные, was Taschenuhr heißt kombiniert mit der Größe in Millimeter, in diesem Fall 43) die, nicht überraschend, von Dueber-Hampdens Werk Size-16 inspiriert ist.

Verlegung und Wiederaufbau

Im Jahr 1935 wird die Fabrik offiziell nach dem ermordeten sowjetischen Partei-Funktionär Sergej Kirow benannt, aber der Name hat keinen Bestand. Anfang des Zweiten Weltkriegs wird der Schwerpunkt der Produktion auf Uhren für die Rote Flotte und Borduhren für die Luftwaffe verlegt. Während des Zweiten Weltkriegs wird die Fabrik nach Zlatoust und Tschaljabinsk verlegt. Erst als sich die Deutschen 1942–1943 zurückziehen, kehrt die Fabrikation wieder nach Moskau zurück.

In den Jahren nach der Rückkehr ändert die Fabrik erneut ihren Namen und wird als Erste Moskauer Uhrenfabrik (1MCHZ oder 1МЧЗ) bekannt. Der Maschinenpark wird erneuert. Anstelle der veralteten Werkzeuge und Maschinen, die 1930 aus den USA mitgebracht wurden, verwendet die 1MCHZ nun Geräte, die von dem französischen Uhrenhersteller LIP geliefert werden. Aber auch aus dem sächsischen Ort Glashütte, das zur sowjetischen Besatzungszone gehört, werden nun Maschinen demontiert und nach Moskau geschafft. Die ansässigen Uhrmacher werden dazu verpflichtet die russischen Kräfte auszubilden.

Die 50-er und 60-er Jahre

Im Jahr 1957 wird die automatische Armbanduhr „Sputnik“ zum Gedenken an den Start des allerersten Satelliten herausgegeben. Sie zeichnet sich durch ein sehr originelles Design aus, das für die damalige Zeit recht überraschend und außergewöhnlich ist.

Noch berühmter ist das Model „Sturmanskie“. Diese exklusiv für die sowjetische Luftwaffe seit 1949 produzierte Uhr hat einen Durchmesser von 36 Millimetern und ist für heutige Verhältnisse recht klein. Es wird angenommen, dass Juri Gagarin 1961 während des ersten bemannten Weltraumfluges eine Sturmanskie am Handgelenk trug. Die Uhr funktionierte im Weltraum tadellos und ist heute im Moskauer Museum der Kosmonauten ausgestellt.

1964 wird beschlossen, eine einzigartige Marke für alle von der Ersten Moskauer Uhrenfabrik hergestellten Uhren zu verwenden. Da die Sowjetunion besonders stolz auf ihre Errungenschaften während des Weltraumrennens ist, scheint die Marke Poljot (Полёт, übersetzt: Flug) am geeignetsten. Dies ist der Beginn der goldenen Ära von Poljot, die sich über die 60-er bis Ende der 70-er Jahre erstreckt.

Ein weiterer Erfolg im Wettlauf mit den USA zur „Eroberung“ des Weltalls ist der zwölfminütige Weltraumspaziergang von Arkhipovich Leonov im Jahr 1965. Entsprechend erscheint passend dazu ein Strela Chronograf mit dem aufwendigen Schaltrad Kaliber 3017.

Einige Marken aus der Produktion von 1MCHZ

In den 50-er und 60-er Jahren wurden unter anderem nachfolgende Marken in der Ersten Moskauer Uhrenfabrik hergestellt. Einige von ihnen erfreuen sich heute bei Sammlern höchster Beliebtheit und sind sehr begehrt.

  • Kirovskie
  • Kosmos
  • Mayak
  • Moskva
  • Pobeda
  • Poljot
  • Rodina
  • Signal
  • Sportivnie
  • Sputnik
  • Stolichnie
  • Sturmanskie
  • Vimpel

Das Ende der Ersten Moskauer Uhrenfabrik

Der Erfolg des Unternehmens setzt sich zunächst fort. Erneut werden die Fertigungsanlagen eines bankrotten Unternehmens, diesmal allerdings aus der Schweiz, aufgekauft. Im Jahr 1979 wird abermals der Markenname geändert und nun werden die Uhren unter der Bezeichnung Sekonda verkauft.

Zum Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 wurde auch das bis dato staatliche Unternehmen Poljot privatisiert. Im Jahr 2004 stellte Poljot die Produktion ein und auch das Nachfolgeunternehmen Maktime Watch Factory gelingt es nicht an die alten Erfolge anzuknüpfen und meldet 2011 ebenfalls Insolvenz an.

Poljot International

Im Jahre 1992 wird die Uhrenvertriebsgesellschaft „Poljot-V GmbH“ in Frankfurt am Main gegründet. Bereits 1994 rufen sie unter der Leitung ihres Geschäftsführers Alexander Shorokhov die neue Uhrenmarke Poljot-International ins Leben. Sie setzt die russischen Traditionen der Marke Poljot fort. Dabei setzen sie auf die Verwendung hochwertiger Materialien für die Uhrenherstellung, entwickeln eigene zeitgemäße Designs. Zusätzlich legen sie Wert auf eine hohe Qualität der Montage und führen eine strenge und systematische Gütekontrolle ein.

In den letzten drei Jahren hat sich Poljot-International, deren Sitz sich im nordbayrischen Alzenau befindet, gut und eigenständig mit stetig wachsenden Umsätzen entwickelt. Der Grund dafür ist die Entwicklung einer neuen Kollektion und eine neue strategische Ausrichtung. Unter dem Motto „Tradition bewahren“ und inspiriert von der traditionsreichen russischen Geschichte der Ersten Moskauer Uhrenfabrik Poljot kreieren sie ihre neuen Modelle. Alle Uhren werden in Deutschland hergestellt, dennoch kann man den Charme, das Designs, die Fingerfertigkeit der Uhrmacher, die Wärme der russischen Seele und natürlich die Liebe des Designers zu Russland spüren und sehen.

Interessante Modelle von Poljot International

Skeleton Peter The Great

Peter der Große war ein Reformer des Russischen Reiches des 17. bis 18. Jahrhunderts und seine Reformen machten das Land von einem Agrarland zum modernsten und einem der führenden Staaten Europas der damaligen Zeit. Entsprechend wird das Zifferblatt von einem großformatigen, auffälligem Wappen des Russischen Reiches geziert. Das skelettierte und gravierte Uhrwerk sowie das offene Zifferblatt machen diese Uhr zu einem wunderschönen und hochwertigen Schmuckstück. Die auf 400 Stück pro Variante limitierte Uhr ist in zwei Varianten erhältlich: in Edelstahl und mit vergoldetem Gehäuse.

Skeleton Nicolai II

Zu Zar Nicolai II. gibt es zahlreiche Legenden und widersprüchliche Gerüchte. Er war aber ein gebildeter und gutmütiger Mensch, der seine Familie und Russland aufrichtig liebte. Diese Modellreihe ist dem Gedenken an Nikolay II. gewidmet.  Bei dieser wunderschönen Uhr wurde der Fokus auf das skelettierte Uhrwerk und das Ziffernblatt gelegt. Sie erzeugen das Gefühl einer Zeitreise zurück in die Zeit der russischen Zaren. Das klassische Erscheinungsbild dieser Uhr wird durch das abgerundete Gehäuse und die Zeiger komplettiert. Dieses auf 300 Exemplare limitierte Modell verfügt über ein schwarzes PVD-beschichtetes Gehäuse. Die jeweilige Limitierungsnummer erscheint auf dem Ziffernblatt.

Skeleton Tourbillon

Eine so offen wie mögliche Gestaltung bringt die Schönheit des Uhrwerks, seiner gebogenen, skelettierten Brücken und des Tourbillonkäfigs zur Geltung. Weiterhin ist es mit einem durchsichtigen Glasboden ausgestattet, der den Blick auf das schöne Tourbillon-Werk freigibt.

Diese in einem klassischen Edelstahlgehäuse mit Saphirglas gehaltene Skeleton ist 5 atm wasserdicht und auf 100 Stück pro Ziffernblattfarbe limitiert.

Globetrotter

Die Modell-Linie Skeleton Globetrotter wurde 2019 entwickelt. Bereits innerhalb kürzester Zeit waren einzelne Modelle ausverkauft. International Reisende werden am Doubletimer-Modell Globetrotter ihre Freude haben. Hier wird die Tag- und Nacht-Anzeige auf einer Scheibe als Weltkarte mit Sonne und Mond dargestellt, die perfekt mit den blauen Zeigern harmoniert. Die Sekundenanzeige befindet sich bei 9 Uhr. Durch die dreieckigen Stundenmarkierungen wird das elegante Gesamtbild vervollständigt. Diese Uhr ist in sechs verschiedenen Ausführungen, die jeweils auf nur 300 Stück limitiert sind, erhältlich.

Bolshoi

Ende 2020 entwickelte Alexander Shorokhov ein für eine traditionelle Uhr außergewöhnliches neues Gehäuse. Die Skeleton Modellreihe Bolshoi wurde nach dem Moskauer Bolschoi-Theater benannt. Diese Bolshoi-Kollektion ist mit einem feinen quadratischen Gehäuse erhältlich. Das Gehäuse wurde auf verschiedene Weisen gebürstet und die Ecken wurden abgerundet, um einen besonderen Vintage-Look zu erschaffen. Aufgrund der Größe von 38,5 × 38,5 mm passen diese Modelle an jedes Handgelenk. Die Perfektion des Gehäuses wird durch einen Glasboden vervollständigt. Ein fein ausgeschnittenes Basilika-Symbol schmückt die Krone. Alle Modelle der Bolshoi-Reihe sind wahlweise mit einem Lederarmband oder Metallband erhältlich.

Quellen:

www.poljot-international.com
Alan F. Garratt, Ebook „The Birth of Soviet Watchmaking“
www.chronautix.com
de.wikipedia.org/wiki/Poljot
de.wikipedia.org/wiki/Erste_Moskauer_Uhrenfabrik


Zuletzt überarbeitet:  2. August 2021